E-Roller vs. Benziner: Lohnt sich der Umstieg?
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Elektro-Scooter werden immer populärer, aber viele Schrauber hängen am Verbrenner. Verständlich - das Thema wird oft mit Vorurteilen diskutiert, als ob eine Seite automatisch Recht hätte.
Kosten, Reichweite, Wartung: Die Fragen sind real, und wer jahrelang am Benziner geschraubt hat, lässt sich nicht von Marketing-Sprüchen überzeugen. Dieser Artikel liefert Dir die Fakten ohne Belehrung.
Was kostet der Spaß wirklich?
Fangen wir mit der Schmerzgrenze an: dem Preis. Ein 45er E-Roller kostet neu zwischen 2.300 und 6.400 Euro. Die Spanne ist heftig - vom günstigen NIU NQi Sport ab 2.500 Euro bis zur edlen Vespa Elettrica für über 5.000 Euro. Benziner in der gleichen Klasse? Die starten schon bei 1.800 Euro. Ein Peugeot Kisbee ist für 2.000 bis 3.000 Euro zu haben.
Bei den 125ern wird's noch krasser. E-Modelle fangen bei 3.500 Euro an (NIU MQi GT) und gehen hoch bis über 12.000 Euro für den BMW CE 04. Benziner wie der Honda PCX 125 starten bei etwa 3.400 Euro. Der Aufpreis für Elektro liegt also schnell bei 30 bis 50 Prozent.
Jetzt könnte man denken: Okay, teurer in der Anschaffung, aber billiger im Betrieb. Stimmt auch - teilweise. Bei aktuellen Strompreisen von 0,34 bis 0,40 Euro pro Kilowattstunde und einem typischen Verbrauch von 3,5 kWh auf 100 km zahlst du beim E-Roller etwa 1,22 Euro pro 100 km. Der Benziner mit 2 Litern auf 100 km und Spritpreis von 1,70 Euro? Der schlägt mit 3,40 Euro zu Buche. Fast das Dreifache.
Bei 5.000 km im Jahr sparst du also rund 110 Euro beim 45er und 125 Euro beim 125er E-Roller. Klingt gut, aber die höheren Anschaffungskosten fressen das wieder auf. Wenn du mal eine Fünf-Jahres-Rechnung aufmachst, sieht das so aus:
- E-Roller 45 km/h: ca. 5.255 Euro (Anschaffung + Energie + Versicherung + Wartung)
- Benziner 45 km/h: ca. 4.300 Euro
Der Benziner liegt vorne. Bei den 125ern wird's interessanter, weil E-Roller die THG-Quote nutzen können - das sind 250 bis 350 Euro pro Jahr durch den Verkauf von CO2-Zertifikaten. Über fünf Jahre gerechnet kommst du dann auf:
- E-Roller 125: ca. 6.290 Euro
- Benziner 125: ca. 6.415 Euro
Praktisch Gleichstand. Butter bei die Fische: Wirtschaftlich lohnt sich der Umstieg nur, wenn du die THG-Quote nutzt oder eine kommunale Förderung bekommst.
Förderungen - gibt's da was?
Kurze Antwort: Vom Bund nicht. Der Umweltbonus 2023 war nur für E-Autos, nicht für Roller. Was bleibt, sind kommunale Programme. München fördert bis 750 Euro, Regensburg und Heidelberg bis 1.000 Euro. Diverse Stadtwerke (Aachen, Karlsruhe, Wuppertal) geben 100 bis 500 Euro an ihre Kunden.
Wichtig: Anträge müssen meist vor dem Kauf gestellt werden. Also erst checken, dann kaufen. Die Förderdatenbank von co2online.de listet die aktuellen Programme.
Wartung: Weniger Schraubspaß, aber auch weniger Ärger
Hier wird's interessant für alle, die gerne selbst Hand anlegen. Ein Benzinroller hat Kolben, Ventile, Variomatik, Vergaser oder Einspritzung, Zündkerzen, Ölkreislauf. Alles Teile, die verschleißen und gewartet werden wollen. Ein E-Roller mit Radnabenmotor? Der hat im Antriebsstrang praktisch keine beweglichen Teile. Der bürstenlose Motor gilt als wartungsfrei.
Beim Benziner stehen regelmäßig an:
- Ölwechsel alle 1.000 bis 2.000 km (10 bis 20 Euro)
- Zündkerze alle 10.000 bis 20.000 km (5 bis 15 Euro)
- Luftfilter alle 5.000 bis 10.000 km (8 bis 20 Euro)
- Keilriemen alle 10.000 bis 20.000 km (15 bis 40 Euro)
- Variomatik bei Verschleiß (rund 200 Euro)
Das summiert sich auf etwa 150 bis 200 Euro pro Jahr bei aktiver Nutzung. Beim E-Roller beschränkt sich die Wartung auf: Bremsencheck, Reifenprüfung, Schrauben nachziehen, bewegliche Teile fetten. Forum-Nutzer berichten von Inspektionskosten zwischen 15 und 50 Euro. "15 Euro, 15 Minuten, fertig" ist ein typisches Zitat aus einschlägigen Foren.
Für Schrauber: Der Frust mit der Black Box
Wer gerne bastelt, verliert beim E-Roller einen Großteil des Hobbys. Kein Vergaser zum Reinigen, kein Ventilspiel zum Einstellen, kein Kerzenbild zu lesen. Die Elektronik ist eine Black Box. Controller-Probleme, BMS-Fehler oder Software-Bugs erfordern Werkstatt oder Spezialtools.
Eigendiagnose ist schwierig - OBD2-Geräte funktionieren nicht, herstellerspezifische Scanner kosten 2.000 bis 3.500 Euro. Es gibt günstige Motorrad-Scanner für etwa 150 Euro, die zumindest Marken wie Vespa, Piaggio oder Honda abdecken. Aber im Vergleich zum Benziner, bei dem du mit Bordmitteln und ein bisschen Erfahrung viel selbst machst, ist der E-Roller deutlich weniger schrauberfreundlich.
Aus der Praxis kann ich sagen: Wenn dir das Werkeln am Motor wichtig ist, wird dir beim E-Roller was fehlen. Wenn du einfach nur fahren willst ohne ständig irgendwas nachzustellen, ist das natürlich ein Vorteil.
Der Elefant im Raum: Akkukosten
Der Akku ist das teuerste Verschleißteil beim E-Roller und bestimmt, ob sich die Sache langfristig rechnet. Realistische Lebensdauer: 600 bis 1.000 Ladezyklen bei guter Pflege. Nach 600 Zyklen hast du noch 90 bis 100 Prozent Kapazität, nach 1.000 Zyklen noch etwa 80 Prozent. Praktisch bedeutet das: 5 bis 8 Jahre bei moderater Nutzung (Laden alle 2 bis 3 Tage). Die geschätzte Gesamtlaufleistung liegt bei 50.000 bis 85.000 km.
Dann wird's teuer:
- NIU N-Serie: 1.200 bis 1.400 Euro pro Akku (MQi GT hat sogar zwei Akkus!)
- unu: ca. 700 Euro oder Akku-Abo für 39 bis 69 Euro im Monat
- Silence S01/S02: ca. 4.500 Euro plus 275 Euro Versand
- Vespa Elettrica: Fest verbaut, Werkstatttausch, Preis nicht öffentlich
- Günstige Marken: 400 bis 700 Euro, Qualität variiert stark
Eine günstigere Alternative ist die Zellenreparatur durch Spezialisten wie KWS Seuren: 550 bis 1.000 Euro statt komplettem Tausch. Nützt ja nix - der Akku ist ein Kostenfaktor, den du beim Benziner nicht hast. Klar, beim Verbrenner hast du irgendwann vielleicht Motorschäden, aber die kommen (bei normaler Pflege) deutlich später.
Reichweite: Die ehrliche Wahrheit
Herstellerangaben sind Schönwetter-Werte. Die reale Reichweite liegt typisch 20 bis 40 Prozent unter den offiziellen Zahlen. Faustregel: Herstellerangabe mal 0,6 bis 0,7 gleich realistische Reichweite.
45 km/h-Klasse (real):
- NIU NQi Sport: 35 bis 50 km (statt 55 bis 65 km)
- Vespa Elettrica: 50 bis 70 km
- Günstige Modelle: oft nur 30 bis 40 km
125er-Klasse (real):
- Silence S01: 90 km (ADAC-Testsieger)
- NIU MQi GT: 65 bis 80 km
- BMW CE 04: ca. 130 km
Zum Vergleich: Ein Benziner 45 km/h mit 6 bis 7 Liter Tank und 2 Liter Verbrauch schafft 300 bis 380 km. Ein 125er Benziner mit 7 bis 8 Liter Tank sogar 250 bis 400 km. Da liegen Welten dazwischen.
Winter macht's noch schlimmer
Bei 0 Grad bleiben etwa 85 Prozent der Kapazität, bei minus 10 Grad nur noch 70 Prozent. Nutzer berichten: "Im Sommer 64 km angezeigt, bei 5 Grad nur noch 52 km, bei Frost unter 50 km." Nach mehrstündigem Stehen in Kälte kann die Reichweite dramatisch einbrechen. Im Winter also lieber doppelt überlegen, ob die Strecke noch reicht.
Laden: Zuhause oder nirgends
Die meisten E-Roller laden an der normalen Haushaltssteckdose (230V, max. 2,3 kW). Eine Wallbox ist "maximaler Unsinn" laut Forum-Experten. Vollladung dauert je nach Modell 4 bis 9 Stunden - Vespa 4h, NIU 9h, BMW CE 04 mit Schnelllader 1h40min.
Öffentliche Ladeinfrastruktur für Roller ist in Deutschland praktisch nicht existent. Laden zuhause oder am Arbeitsplatz ist zwingend erforderlich. Wer keine Garage oder Stellplatz mit Steckdose hat, kann den E-Roller eigentlich vergessen. Das ist ein Knockout-Kriterium für viele.
Performance: Wer gewinnt das Ampelrennen?
E-Roller haben einen physikalischen Vorteil: maximales Drehmoment ab der ersten Umdrehung. Während der Benziner erst hochdrehen muss, zieht der E-Roller sofort los. Das Ampel-zu-Ampel-Rennen gewinnt der Stromer meistens.
0 bis 40/45 km/h Beschleunigung (ADAC-Tests):
- Schwalbe (4000W): 5,0 Sekunden
- Vespa Elettrica: ca. 6 Sekunden
- NIU N1S: 7 bis 8 Sekunden
- unu: 9,3 Sekunden
- 50ccm Benziner: 8 bis 12 Sekunden
In der 125er-Klasse ist der BMW CE 04 konkurrenzlos: 0 bis 60 km/h in 2,6 Sekunden. Kein legaler 125er Benziner kommt auch nur in die Nähe (typisch: 6 bis 8 Sekunden).
Der Haken: Mit sinkendem Akkustand fällt auch die Höchstgeschwindigkeit. Nutzer berichten: "Frisch geladen 94 km/h, bei 30 Prozent Akku nur noch 80 km/h." Der Benziner fährt vom ersten bis zum letzten Tropfen konstant schnell.
Fahrgefühl: Was sagen die, die's fahren?
Die Meinungen sind gespalten. Manche lieben die Geräuschlosigkeit:
"Die Geräuschlosigkeit ist neben der nicht verpesteten Luft das Schönste am Elektrorollerfahren."
"Ich bin jetzt sehr froh, dass dieses nervige Motorgeräusch der Vergangenheit angehört."
Andere sehen darin ein Sicherheitsrisiko:
"Der unu ist so leise, dass mir Leute fast vor den Roller gelaufen sind."
Und dann gibt's die Fraktion, für die der Sound einfach dazugehört:
"Wer Knattern und das leichte Vibrieren als wichtigen Teil des Rollerfahrens empfindet, ist mit einem Motorroller besser bedient."
Das Handling unterscheidet sich durch die Akku-Platzierung. E-Roller haben einen tieferen Schwerpunkt und liegen stabiler, sind aber schwerer (BMW CE 04: 231 kg). Benziner mit 80 bis 120 kg sind wendiger. Geh mal einmal mit beiden Typen um'n Pudding, bevor du dich entscheidest. Das Gewicht merkst du beim Rangieren.
Welche Modelle taugen was?
45 km/h E-Roller - Empfehlungen:
- Budget: NIU MQi+ Sport (ab 1.899 Euro), 40 bis 50 km Reichweite
- Beste Reichweite: Kumpan 54 mit 3 Akkus (bis 135 km real, ab 4.900 Euro)
- Premium: Vespa Elettrica (ab 5.199 Euro) - aber fest verbauter Akku
45 km/h Benziner - Empfehlungen:
- Sparsamster: Honda Vision 50 (2,0 bis 2,2 Liter auf 100 km)
- Preis-Leistung: Peugeot Kisbee (ab 2.050 Euro), Piaggio Liberty 50 (ab 2.437 Euro)
125er E-Roller:
- ADAC-Testsieger: Silence S01 (ab 3.799 Euro), 90 km real, Trolley-Akku
- Preis-Leistung: Super Soco TC Max (ca. 4.000 Euro)
- Premium: BMW CE 04 (ab 11.990 Euro) - überlegene Technik
125er Benziner:
- Allrounder: Honda PCX 125 (ab 3.400 Euro), Honda SH125i
- Stärkster: Piaggio Medley 125 (15 PS, ab 3.400 Euro)
Gebrauchtmarkt
E-Roller verlieren schneller an Wert (30 bis 40 Prozent nach 3 Jahren) als Benziner (25 bis 30 Prozent), vor allem wegen Akku-Unsicherheit. Gebrauchte NIU gibt es ab 1.500 Euro, Silence-Händlerausverkäufe teils unter 3.000 Euro. Der Benziner-Gebrauchtmarkt ist deutlich größer mit stabileren Preisen.
Umwelt: Fakten statt Ideologie
CO2 im Betrieb (deutscher Strommix 2024: 363 g CO2 pro kWh):
- E-Roller: ca. 12 g CO2 pro km
- Benzinroller: ca. 110 bis 125 g pro km (inkl. Vorkette)
E-Roller stoßen damit im Betrieb 80 bis 90 Prozent weniger CO2 aus. Bei Ökostrom-Ladung: nahezu emissionsfrei.
Der Akku-Produktionsfußabdruck liegt bei 60 bis 100 kg CO2 pro kWh Akkukapazität. Ein typischer 2-kWh-Roller-Akku bringt also ca. 200 kg CO2 "Rucksack" mit. Dieser wird nach 2.000 bis 4.000 km durch die Betriebsersparnis ausgeglichen - deutlich schneller als bei E-Autos (25.000 bis 60.000 km).
Akku-Recycling: Die EU-Batterieverordnung 2023 schreibt 90 Prozent Recyclingquote vor. Deutsche Anlagen (VW Salzgitter, Mercedes Kuppenheim, Duesenfeld) erreichen über 96 Prozent. Second-Life-Nutzung als stationärer Speicher verlängert die Akku-Lebensdauer um 10 bis 12 Jahre.
Zukunft: Was kommt?
Akkutechnologie macht Fortschritte. LFP-Akkus (Lithium-Eisenphosphat) setzen sich durch: günstiger, sicherer, 5.000 bis 10.000 Zyklen, kein Kobalt. Feststoffakkus versprechen 30 Prozent mehr Reichweite und sind für 2027 bis 2028 angekündigt (Toyota, VW/Ducati testen bereits). Natrium-Ionen-Akkus ohne Lithium stehen in China vor der Serienreife.
Der E-Roller-Markt ist 2024 allerdings um 50 Prozent eingebrochen. Wegfall des Umweltbonus und fehlende Zweirad-Förderung wirken. Benziner dominieren weiterhin, aber die Modellentwicklung stagniert.
Das EU-Verbrennerverbot 2035 gilt nicht für Zweiräder - Motorräder und Roller sind explizit ausgenommen. Ob das so bleibt, ist unklar. E-Fuels könnten eine Alternative werden. Umweltzonen in Innenstädten könnten künftig E-Vorteile bringen.
Für wen lohnt sich was?
E-Roller ist die bessere Wahl bei:
- Tägliche Strecke unter 40 km
- Lademöglichkeit zuhause oder am Arbeitsplatz
- Überwiegend Stadtverkehr
- Geringe Schrauber-Ambitionen
- THG-Quote nutzbar (125er Klasse)
- Kommunale Förderung verfügbar
Benziner bleibt die bessere Wahl bei:
- Tägliche Strecken über 50 km
- Keine sichere Lademöglichkeit
- Flexibler Einsatz (längere Touren, Land)
- Schrauber, die selbst warten wollen
- Begrenztes Budget
- Emotionale Bindung an Sound/Technik
Fazit
Der Umstieg auf E-Roller ist kein Selbstläufer, sondern eine bewusste Entscheidung für ein anderes Nutzungsprofil. Wer die Reichweitenbeschränkung akzeptiert und zuhause laden kann, profitiert von minimaler Wartung, Kraftstoffersparnis und sofortigem Drehmoment. Wer flexible Reichweite, günstige Anschaffung und Schrauber-Spaß will, fährt mit Benzin besser.
Die Technik verbessert sich stetig - in 2 bis 3 Jahren könnten Preise und Reichweiten den Benziner endgültig unter Druck setzen. Bis dahin gilt: Das beste Fahrzeug ist das, das zum eigenen Fahrprofil passt. Wat mutt, dat mut - aber es muss eben auch zu deinem Alltag passen.